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Gedanken zum neuen Jahr & der Entwicklung im Vergangenen. An die Erschließer des Bielatals.

Es ist Januar. Das neue Jahr ist erst wenige Tage alt. Es ist kein schöner Wintertag, der uns bei diesem nasskalten Wetter hier her geführt hat. Über uns ziehen dünne Nebelschwaden am

„Weg der Hoffnung“ vorbei. Ich beginne im Präteritum zu schwelgen. „Das waren noch Zeiten. Freitagnachmittag schnell hier her gepfiffen, über den Überhang gehechtet, große Sanduhr gefädelt und dann in der Sonne die schöne leichte Schleicherei genossen.“ Der Wegname macht sich alle Ehre und „Heute ist nicht Freitagnachmittag“ erwidert Lutz pessimistisch.

Im Radio läuft leise der Heimatsender und die Sitzheizung auf Stufe drei sorgt für einen warmen Hintern. Dies lädt zum verweilen ein. Lutz hält kurz die Nase aus der Tür. Mit einem Schlag ist die Tür wieder zu und Lutz schüttelt sich wie ein nasser Hund. „Also ich lasse meinen Rucksack im Kofferraum! Da kannst Du Dir den Mund fusselig reden, ich fasse heute keinen Fels an“. Verschiedenste Worte gehen mir augenblicklich für seinen Zustand durch den Kopf: Schwuppe, Weichei, Schön-Wetter-Kletterer, Warmduscher und mehrere nicht gesellschaftlich tragbare Beschimpfungen. Mein lieber Mann, ich staune über meinem stummen Wortschatz.

„Mensch Lutz´l“, sage ich „der Tag ist noch jung und hier stehen bis zur böhmischen Grenze und zurück 254 Klettergipfel mit mehr als zehn mal so vielen Wegen, da wird sicher was für uns dabei sein.“ Seine grandiose Mimik verrät mir, dass es keinen Zweck hat. Der Zug ist abgefahren.

Urplötzlich erklingt im Radio eine einschlägige Melodie und mit zarte Stimme vernehmen wir „mdr 1´ - Radio Saachseen“ und im Chor „wir gratulieren…“. Alle Ampeln schalten auf rot. Die Beinmuskeln zucken. Das Fass ist am überlaufen. Bitte keine Glückwünsche für Oma Erna zum 85. von unzählige Unenkeln und Verwandten. Im gleichen Augenblick stehen wir Beide schon einige Schritte vom verschlossenen Auto entfernt und beginnen unseren rucksacklosen Spaziergang. Vorbei an Kapuziner und Zerklüfteter Wand immer der Nase nach. Einige alte Floskeln verlassen unsere Lippen aus Zeiten, in denen wir uns zu den Bielatal-Locals zählen wollten. Heute schütteln wir nur noch den Kopf über die zunehmende Versiffung der Kletterwege. Unter jedem Überhang am Wegesrand zeugen verrußte Felspartien und erloschene Feuerstellen von den pyromanischen Naturnutzern. Es entzieht sich völlig unsere Vorstellungskraft wie wir heute noch einmal den „Luftikus“ klettern sollten ohne wie ein Schornsteinfeger auszusehen. Wenigsten hätten abergläubige Menschen nach einer Berührung mit uns das erwünschte Glücksgefühl. Aberglaube ist wahrscheinlich der letzte Faktor der jemanden hier klettern lässt. Der Glaube an das „Schönste Klettergebiet der Welt“.

Mit gesenktem Kopf ziehen wir weiter. Vorbei an kleinen Lichtblicken wie „Atlantis“ und „Augenblick“. Um die Ecke klappert ein Achter. Kletterhungrig spitzten wir unsere Ohren und erfreuen uns an zwei jungen langhaarigen Klettern die sich im rechten Teil der Herkuleswand betun. Wir staunen nicht schlecht über so viel Härte. Hut ab denken wir. Aber Mützen haben die beiden gar nicht auf. Vielleicht ist es auch gar nicht so kalt und wir zwei sind nur zu verwöhnt. Unser Weg führt weiter unter den Talseiten entlang. Unter dem Herkulesstein erkenne ich unüberrascht, dass jemand das alte gedankliche Projekt in der Schmalseite zwischen den zwei markanten Rissen geklettert ist. Ein Ring zeugt von seiner Neutour. Im Hinterkopf denke ich, dass hätte man auch anders lösen können. Aber egal, wir schlendern weiter. Unter der Kleinen Herkulessäule erwarten uns gleich mehrere unerwartete Anblicke. Zum einen Licht. Ich staune nicht schlecht, dass ein Großteil der Birkenplage umgesägt wurde. Ein Lächeln strahlt im meinem Gesicht und das Herz geht mir auf. Die Wand kann wieder atmen, bekommt bald verdiente Sonnenstrahlen und wird in ihren schönsten Farben strahlen. Eisenbraun und gelb und grau lädt die Wand zum klettern ein. Die Kälte vergessend beginne ich schwärmend zu träumen „jetzt Kerzengerade genüsslich den „Wahlkampf“ hoch pfeifen, wäre das nicht was?“. Vor mir läuft ein Film. 8 Exen, eine 10er, große Bandschlinge und eventuell was dünnes. Mehr braucht man nicht. Klettern wie im Bilderbuch. Die Verschneidung hoch, dicke Knotenschlinge in den Riss -liegt wie dafür gemacht-, gut verlängern. Links in die Wand, Rippe hoch, ordentlich strecken und Ring einhängen. Zwei Züge zurück und man steht wieder spitze. Schnell die nächsten Züge hervorrufen. Rippe mit links am oberen Rand, irgendwas Kleines mitziehen, eindrehen und weit mit rechts in die mittlere von drei Schalen. Antreten und ich bin am Band. Kurz Ruhe. Wie ferngesteuert klettere ich zügig die riesigen Platten im Linksbogen an ihr oberes Ende. Mit jedem Zug weiter weg vom Ring. Jetzt fallen wäre fatal. Das spielt aber keine Rolle, denn die Kletterei ist grandios. Große Griffe, Platten, überhängend und fest. Ein Traum im Fels. Die große Bandschlinge um die massive Straßenschildgroße Platte gelegt. Verschnaufen. Im Rechtsbogen zum zweiten Ring, gewusst wie. Schnell die letzten Züge auf die liegende Platte. Geschafft.

So, jetzt noch Micha Techels zwei Ringe dran hängen und die Direttissima ist perfekt. Aber stopp. Wo sind die Ringe? Ich sehe von unten keinen Ring und mein Erinnerungstraum von der zweiten Begehung ist abrupt zu Ende. Ich spüre den kalten Wind im Gesicht. Mein Lächeln wird davon geweht. Wie im Fall befinde ich mich in einer trauernden Leere. Der perfekte Mittelteil von meinem Lieblingsweg, meinem gedanklichen Schatz, fehlt. Wut steigt in mir auf. Jeden Weg habe ich hier dran geklettert und keiner war so schön, ja so perfekt wie dieser. Anonyme Rachegedanken beflügeln mich… „Mensch Alter, schau Dir das hier mal an“ ruft es rechts von mir. Ich traue meinen Augen nicht. Eine Bergungsbox. Ist das etwa eine Fata Morgana? Ich kann es nicht glauben bevor ich ebenjene selbst berühre. Minimalistisches Design. Braun glänzende, massive Schalungsplatten zu einer schmalen Schachtel verbaut. Modern sieht das aus und irgendwie schön. Die aufgeklebte Schrift in Augenhöhe verrät die Herkunft. Privat gestiftet. Meine Hochachtung. Ein Blick hinein verrät den Verantwortlichen. Ein alter Bekannter der schon durch diverse Unterhaltungsmedien gegangen ist. „Nur noch sein Bankverbindung fehlt für ne´ Spende“ grummelt Lutz. Jegliche Art von Kontaktaufnahme ist im Inneren festgehalten. Schon sind die positiven Seiten hinweg. „Was soll´n die Box hier?“ fragt Lutz stutzend. „400 Meter das Tal hoch ist doch die Bergwacht, oder nicht?“ Recht hat er. Trotz das die Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten, vergleiche ich die Box gleich mit einer Metapher des 1€-Job´s. Eigene Bergungsbox vs. Bergwacht. Ein ungleicher Kampf. „Dann muss spätestens am Spannagelturm wieder eine hin, damit das Raster stimmt“ sage ich und Lutz winkt ab. „Der nächste Schritt ist dann sicherlich die 24 Std. Unfallversicherung direkt zu erwerben beim Parkplatzwächter um alle Eventualitäten auszuschließen“. Nach Philosophie wäre im heute nicht, denn über den besagten Parkplatz gibt es etliche Geschichten zu erzählen. „Los weiter, mir wird kalt“ ruft Lutz. Vorbei an den vielen Zacken und Hallenstein erreichen wir die linke Scharte des Chinesischen Turms. Zwei hell lackierte Ringe blinzeln uns an. „Mensch, Mensch, vom Talweg Ring gerade hoch durch die Wand“ will ich zu Lutz sagen. Aber wo ist er denn? Kurze Zeit später ruft es vom Gipfel „8a, zwei oder drei Ringe vom Globetrotter Fachverkäufer, Juli letztes Jahr“ Das der noch bohrt? Frage ich mich. Aber Lutz, wie vom Blitz getroffen, steht schon wieder neben mir. „Mal schnell hoch gerannt“ lächelt er und ich staune über so viel Elan.

Unser Weg geht weiter vorbei an Kanzelturm und Daxenstein, hinunter zum „Magnet“ und die Straße zum Glasergrund rauf. Wir gehen nach rechts zu den Wiesensteinen. Viele Erinnerungen verbinden wir wieder mit diesen Gipfeln. „Weist Du noch, damals Perryweg auf´n Hauptwiesenstein?“. „Klar“ antworte ich. „Los, da gehen wir noch mal schnell vorbei“. „Dort musste man doch hochspreizen zu dem Ring. Oder der Ring?“ In der schmalen Scharte stecken nun 4 Ringe. „Ich hab keinen Kletterführer mit“ sagt Lutz. Welcher Ring war es den nun? Der links? Der rechts? „Auf der anderen Talseite fehlen die Ringe und hier wird solcher Schotter zusammen genagelt“ schimpft Lutz.

Wir gehen rechts haltend die Pfade zurück auf die Straße und vor zum Auto. Am Ende des Parkplatzes gewährt uns die Birkenplage einen Blick zu den Felsen. Sehnsüchtig beobachten wir noch kurz wie einer der zwei jungen Kletterfreunde mit seinen orangefarbenen Pullover mit wenigen Sonnenstrahlen begleitet auf den Herkulessohn aussteigt. „Was wohl für die beiden noch bleiben wird?“ fragt Lutz. Ich erwidere nichts. Die Heimfahrt wird still.

Auf ein schönes neues Kletterjahr!

Robert Hohlfeld

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